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Netti
30.08.2015, 21:31

Merlefaktor
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Merle ist inzwischen ein sehr beliebter und in letzter Zeit häufig gezüchteter Effekt. Aber es ist auch eine der umstrittensten Mutationen überhaupt. Dabei werden seitens der Tierschützer, aber auch einzelner Züchter Stimmen laut, welche Merle in die Rubrik Qualzucht einordnen.
Wer noch keinen Grund hatte, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen wird sich fragen, wie Merle überhaupt aussieht und was daran so gefährlich sein soll. Deshalb dazu hier einige Informationen.

Merle zeigt sich durch Scheckungen mit verdünntem, d.h. hellerem Fell als die eigentliche Grundfarbe sowie vollen, kräftigen also unveränderten Farben, die in unregelmäßigen, zerrissenen Flecken verteilt sind.

Hier ein Bild eines blue-merle Australian Shepherd (Quelle Wikipedia):

http://ohfv.von-kranichfeld.de/attachments/1440959317_330px-Australian_Shepherd_600.jpg

Ohne jetzt zu speziell auf die Genetik einzugehen, kommt man nicht umhin einige Punkte zu wissen, um die Entstehung von Merle zu verstehen und in etwa nachvollziehen zu können.

Deshalb eine kurze Erläuterung dazu:         

BegriffBedeutung

GeneErbanlagen - sie sind für die Ausbildung verschiedener Merkmale verantwortlich und genetisch bedingt
alleles Genpaares gibt für ein bestimmtes Gen 2 Allele
allele Genseriees sind mehrere Allele beteiligt
Lokusauch Locus, Genlocus oder Genort genannt ist die Position eines Gens in einem Chromosom; verschiedene Genloki ergeben eine Genkarte im Organismus
AllelVariante eines Gens in einem bestimmten Genlokus
homozygot/reinerbigein Paar mit zwei gleichen Allelen
heterozygot/mischerbigein Paar mit ungleichen Erbanlagen
dominant-rezessive Vererbunges gibt ein dominantes und ein unterdrücktes Allel
GenotypGesamtheit aller Erbanlagen
PhänotypÄußeres Erscheinungsbild
Eumelanin/PhäomelaninEumelanin (schwarz und braun) und Phäomelanin (gelb/rot) sind Pigmentarten / Farbstoffe (Melanine) und bestimmen die Fellfarbe gemeinsam in unterschiedlicher Verteilung


Das Merle-Gen ist eine Mutation und befindet sich auf dem Chromosom CFA10 im Silver Locus Gen (Pmel17 und SILV). Dabei stört dieses genetische Element die Funktion des SILV-Gens. Dort wo das mutierte Gen heterozygot vorhanden ist entsteht die Merlemusterung.

Somit kann man festhalten, dass die Merle-Zeichnung nur aufgrund eines genetischen Defektes entsteht!

Weiterhin hellt das Gen nur Eumelanin auf. Aus schwarzem Fell wird z.B. grau, graublau, hellblau oder rotstichiges Fell. Die Augen werden braun, einfarbig blau oder ein Auge blau, das andere braun. Z.B. hat der Hund im obigen Bild ein silbergraues Fell mit schwarzer Sprenkelung und wahrscheinlich blaue Augen. Die Fehler in diesen Erbanlagen führen zu Pigmentanomalien an Haut, Auge, Haar und /oder Ohr. 

Phäomelanin dagegen wird nicht beeinflusst. So werden also Bereiche, für die das Phäomelanin verantwortlich ist, nicht aufgehellt und behalten ihre ursprüngliche Farbe. Allerdings heißt das, dass Hunde, welche ohnehin diese Farbe haben, Merle-Träger sein können ohne dass man es sieht.

Soweit die vereinfachte Beschreibung dessen, was sich im Körper abspielt um diesen Effekt entstehen zu lassen.

Nun aber gehen wir mal zu dem eigentlichen Problem über, nämlich den Folgen und Gefahren:

Durch die Aufhellung an Augen und Ohren können Missbildungen / Fehlbildungen entstehen, welche in den meisten Fällen auf Paarungsfehler zurückzuführen sind. Infolge dessen entstehen Blindheit, Taubheit, Anomalien des Herzens, des Skeletts, des Pigments sowie mehr oder weniger stark ausgeprägte Hautekzeme. Tiere sterben bereits im Mutterleib ab, bleiben hinter Wurfgeschwistern zurück oder sterben vor Erreichen der Geschlechtsreife an Gehirnmissbildungen oder Herzschäden. Sind z.B. die Augen hell (blau) ist die Wahrscheinlichkeit von Blindheit höher, als bei braunen oder schwarzen Augen. Genauso verhält es sich mit dem Gehör. Ist der Bereich um die Ohren heller bzw. merlegezeichnet, dann ist die Gefahr der Taubheit am größten.

Grundsätzliche Fehler der Paarung:

Merle + Merle
Merle + Merle-Träger
Merle-Träger + Merle-Träger (auch vom Phänotyp schwarze Tiere oder &quot;normalaussehende&quot; Tiere können Träger sein)
Merle/Merle-Träger + sehr helle Hunde (z.B. weiß, creme, ...)
Merle/Merle-Träger + andere Verdünnungsfarben (z.B. lilac, isabell, ...)

Ein Paarungsfehler ist außerdem festzustellen, wenn mehr als 50 % Merle in einem Wurf vorhanden sind. Optimal sind 25 %. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass diese 25 % auch tatsächlich gesund sind. Das zeigt sich manchmal erst Jahre später.

Weiterhin wird zu wenig darauf geachtet, ob in den weiter zurückliegenden Ahnen einmal Merle-Hunde oder Träger vorhanden waren. Der Partner sollte bestenfalls 8 Generationen frei von Merle sein sowie zusätzlich ein NON-Merle-Attest durch ein Labor (z.B. Laboklin, Biofocus) vorlegen. 

Noch zu beachten ist, dass es Phantommerle gibt. D.h., die Merlezeichnung ist ganz zufällig an Stellen zu finden, welche durch weiße oder kupferfarbene Abzeichen überdeckt ist. Genetisch ist dieser Hund ein ganz normaler Merle, nur man erkennt ihn nicht ohne weiteres. Deshalb besteht hier die Gefahr eine Merle + Merle- Paarung. Es gibt auch noch den kryptischen Merlehund. Es führt nicht zu einer Merlezeichnung im Phänotyp - aber: es ist genetisch vorhanden.


Traurigerweise ist zu beobachten, dass gerade jene Züchter Merletiere vermehren, welche sich nicht einmal im Ansatz mit der ganzen Problematik beschäftigt haben. Sicher ist all das Gelesene nicht für jeden interessant, zu trocken, zu unverständlich. Und genau das ist der Punkt. Wir alle sind keine Biologen / Genetiker und können eine gezielte und damit gefahrlose Paarung nicht planen, da uns dazu einfach das Wissen fehlt. Und Genetiker werden mit Sicherheit keine Merlehunde züchten. 

Warum nun dieser Effekt dennoch gezüchtet wird, liegt einfach an dem lieben Geld, welches sich damit gut verdienen lässt. Und unser Tierschutzgesetz ist einfach zu schwammig, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten. Denn Merlezucht ist Qualzucht!
